# Umsicht

Erste Hilfe von Unternehmen

In Zeiten der Krise stellen viele Unternehmen ihre Fertigung um auf systemrelevante Produkte, gründen Initiativen oder leihen Arbeitskräfte aus, wo es nötig ist. Was sie zur Hilfe bewegt.

Im Werk der 575 Factory in der ungarischen Hauptstadt Budapest fertigen Näherinnen Gesichtsschutzmasken für den Alltagsgebrauch. Normalerweise stellt das Unternehmen Sportbekleidung her.Anadolu Agency/Kontributor/Getty Images

Wo sonst ein rot-weißes Fah­nen­meer rauscht und mehr als 54.000 Men­schen den Spiel­ern des FC Liv­er­pool zujubeln, herrschte ab März 2020 absolute Stille. Wann im Sta­dion an der Anfield Road wieder Fußball­spiele eines der erfol­gre­ich­sten Vere­ine der englis­chen Pre­mier League vor Pub­likum möglich sein wer­den, war zu diesem Zeit­punkt nicht absehbar.Schon bald nach Unter­brechung des Spiel­be­triebs verkün­dete Vor­stand­schef Peter Moore, dass die Ord­ner­in­nen und Ord­ner, die sonst im Sta­dion die Fans in Zaum hal­ten, lokalen Super­märk­ten ihre Hilfe anbi­eten – etwa um das Kun­de­naufkom­men zu reg­ulieren oder um älteren Men­schen mit ihren Einkäufen zu helfen.

Unternehmerische Verantwortung

So anpack­end und unter­stützend reagierten auch viele Wirtschaft­sun­ternehmen auf die Coro­n­avirus-Krise. Manche stell­ten Teile ihrer Pro­duk­tion um und fer­ti­gen sys­tem­rel­e­vante Waren, manche haben ihre Entwick­lungska­paz­itäten erweit­ert und brin­gen nun gän­zlich neue Pro­duk­te auf den Markt. Andere helfen, um die eige­nen, durch die Krise unterbeschäftigten Mitar­bei­t­en­den auszu­las­ten. Oder sie verknüpfen die Hilfe mit dem Kern ihrer Marke und haben dabei einen nach­halti­gen Imagegewinn im Blick. Auch wenn die Grund­mo­ti­va­tion für Hilfe in Zeit­en der Coro­n­avirus-Krise sol­i­darisch und sozial sein mag: Der Aufwand und die Kosten der Unter­stützungs­maß­nah­men sind für viele Unternehmen hoch.

Wie wichtig es für Unternehmen ist, ihre aktuelle Ver­ant­wor­tung zu erken­nen, weiß Brit­ta Heer von Edel­man Deutsch­land. Für die Studie „Edel­man Trust Barom­e­ter 2020“ befragte die Forschungs- und Analy­se­ber­atung des Unternehmens –Edel­man Intel­li­gence – in einem Spe­cial Report zum Thema „Marken­ver­trauen und die Coro­n­avirus-Pan­demie“ rund 12.000 Men­schen weltweit. „Die Men­schen fordern nicht nur von der Regierung Antworten auf das Virus, son­dern auch von Unternehmen mit ihren Marken“, sagt Heer. Weltweit erwarten 89 Prozent der Men­schen, dass Marken ihre Pro­duk­tion auf Pro­duk­te ver­lagern, die zu Lösun­gen im Kon­text der Krise beitra­gen. Heer ergänzt: „Wer den Ver­brauch­ern jetzt nicht zuhört und nicht auf ihre Bedürfnisse einge­ht, setzt ihr Ver­trauen nach­haltig aufs Spiel.“ Was daraus entste­ht, sind facetten­re­iche Lösungsan­sätze. Es sind die vie­len kleinen und großen Ideen, die etwas bewirken – oft nicht weniger als echte Hilfe und wirtschaftlichen Bei­s­tand in einer ungewis­sen Zeit.

Vom Flip-Flop zum Spezialschuh: Das Unternehmen Alpargatas stellte einen Teil der Produktion um.Havaianas

Stärken gezielt eingesetzt

Rück­blick­end betra­chtet, erscheint es für viele Unternehmen nahe­liegend, dass sie ihre Pro­duk­tion umgestellt haben – ins­beson­dere, wenn die gefragten Pro­duk­te per­fekt zu ihrem Kerngeschäft passen. Ein Beispiel ist der brasil­ian­is­che Schuh­pro­duzent Alpar­gatas. Das Unternehmen ist Mark­t­führer im lateinamerikanis­chen Schuh­sek­tor und Her­steller der weltweit bekan­nten Flip-Flop-Marke Hava­ianas. Alpar­gatas spendete rund 20.000 Paar abwaschbare Spezialschuhe an öffentliche Kranken­häuser in ver­schiede­nen brasil­ian­is­chen Bun­desstaat­en. Die Schuhe wur­den in den Hava­ianas-Fab­riken anstelle von Flip-Flops hergestellt. Um eine rei­bungslose und hygien­isch sichere Pro­duk­tion zu gewährleis­ten, wur­den die Alpar­gatas-Angestell­ten  geschult und der kom­plette Her­stel­lung­sprozess umstruk­turi­ert. Zudem pro­duzierte und spendete das Unternehmen 1,3 Mil­lio­nen Schutz­masken und verteilte unter anderem rund 500.000 Hil­f­s­pakete mit essen­tiellen Pro­duk­ten  an beson­ders gefährdete Gemein­schaften in den fünf Bun­de­shaupt­st­tädte São Paulo, Rio de Janeiro, Brasília, Sal­vador und Belo Hor­i­zonte sowie an Städte im Bun­desstaat Paraí­ba.

Gründliche Reini­gung und damit auch Virenbe­sei­t­i­gung ist die Kernkom­pe­tenz des deutschen Reini­gung­stech­nikun­ternehmens Kärcher. Die Dampfreiniger des Welt­mark­t­führers (Umsatz 2019: 2,58 Mil­liar­den Euro) sollen laut einem unab­hängigem Labortest bei kor­rek­ter Anwen­dung Coro­n­aviren ent­fer­nen – sie sind damit eine Alter­na­tive zum Ein­satz von Desin­fek­tion­s­mit­teln im pri­vat­en, indus­triellen und gewerblichen Bere­ich. Darüber hin­aus stellte das Fam­i­lienun­ternehmen seine Fer­ti­gung in einem sein­er Werke in Süd­deutsch­land, in Sulz­dorf im nördlichen Baden-Würt­tem­berg, um. Wo nor­maler­weise Reini­gungsmit­tel hergestellt wer­den, pro­duziert Kärcher jetzt Sub­stanzen für die Hand­desin­fek­tion.

Porsche Consulting/Jörg Eberl

Wir haben uns ganz bewusst entschieden, kleinere Einrichtungen zu unterstützen.

Hartmut Jenner
Vorstandsvorsitzender von Kärcher

„Wir kon­nten unser bre­ites Know-how und die Erfahrung unser­er Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er nutzen“, sagt Hart­mut Jen­ner, Vor­standsvor­sitzen­der von Kärcher. Einen Teil des Hand­desin­fek­tion­s­mit­tels verteilte das Unternehmen an mehr als 50 lokale Ret­tungs­di­en­ste, Tafeln sowie Alten- und Pflegeein­rich­tun­gen. „Das Thema Hand­hy­giene ist ja bei der Bekämp­fung des Coro­n­avirus all­ge­gen­wär­tig, und vor allem für die Risiko­grup­pen ele­men­tar“, so Jen­ner. In den aller­meis­ten Spende­naufrufen habe vor allem der Gesund­heits- und Kliniksek­tor im Zen­trum der öffentlichen Aufmerk­samkeit ges­tanden. „Darum haben wir uns ganz bewusst dafür entsch­ieden, kleinere Ein­rich­tun­gen zu unter­stützen – das war für uns eine Selb­stver­ständlichkeit.“

Kompetenzen kreativ genutzt

In Deutsch­land haben mehr als ein Drit­tel der Unternehmen ihre Pro­dukt- oder Leis­tungspalette im Zuge der Coro­n­avirus-Krise erweit­ert, so das Ergeb­nis einer Umfrage des Mark­t­forschung­sun­ternehmens Kan­tar im Auf­trag des deutschen Bun­deswirtschaftsmin­is­teri­ums. Darunter sind auch solche, die sich in ganz neue Felder vorgewagt haben. So stellte etwa der Heiztech­nikspezial­ist Viess­mann aus dem hes­sis­chen Allen­dorf Teile sein­er Pro­duk­tion auf Beat­mungs­geräte um. Inner­halb von drei Tagen entwick­el­ten die Inge­nieurin­nen und Inge­nieure des Fam­i­lienun­ternehmens (Umsatz 2019: 2,65 Mil­liar­den Euro) im Aus­tausch mit Medi­ziner­in­nen und Medi­zin­ern einen Pro­to­typ – basierend auf Kom­po­nen­ten, die in Gasheizun­gen ver­wen­det wer­den. Nach drei Wochen war das erste Gerät fer­tig, pro­duziert auf der Fer­ti­gungslin­ie der Viess­mann-Gaswandgeräte. Das Ver­fahren für eine Son­derzu­las­sung zur Her­stel­lung medi­z­in­tech­nis­ch­er Geräte läuft derzeit noch (Stand Juni 2020). Und auch die Pro­duk­tion ruht vor­erst. Sollte es wieder zu ver­mehrten Ansteck­un­gen und schw­eren Ver­läufen kom­men und ins­beson­dere in Entwick­lungslän­dern keine Trendwende geben, kön­nte Viess­mann bis zu 600 Geräte pro Tag her­stellen.

Der Heiztechnikspezialist Viessmann stellte in der Krise Beatmungsgeräte her. Viessmann

Hilfe in höch­ster Geschwindigkeit leis­tete das US-amerikanis­che Unternehmen Com­pos­ite Resources. Die Mut­terge­sellschaft des Motor­sport­teams CORE Autosport, die eigentlich Präzi­sion­steile aus Ver­bundw­erk­stof­fen für Branchen wie Luft- und Raum­fahrt oder den medi­zinis­chen Bere­ich her­stellt, pro­duziert nun Gesichts­masken aus einem Poly­ester-Baum­woll-Gemisch für den All­t­ags­ge­brauch sowie Schutzvisiere aus durch­sichtigem Vinyl. Als Grün­der Jon Ben­nett einen Fernse­hbericht über Kranken­schwest­ern sah, die ihre Gesichts­masken selb­st nähen mussten, han­delte er. „Inner­halb von 36 Stun­den ent­war­fen wir den Pro­to­typ, beschafften das Roh­ma­te­r­i­al, starteten eine E‑Com­merce-Web­site und began­nen mit der Organ­i­sa­tion der Fer­ti­gungslin­ie“, sagt Mor­gan Brady, geschäfts­führen­der Part­ner bei Com­pos­ite Resources. Die für die Pro­duk­tion erforder­lichen Anla­gen waren bere­its vorhan­den, eben­so die Fähigkeit­en der Mitar­bei­t­en­den. Dadurch fie­len lediglich Kosten für das Roh­ma­te­r­i­al an. Im März 2020 begann die Pro­duk­tion durch mehr als zwanzig Angestellte in zwei Schicht­en. „Mit der Masken­pro­duk­tion helfen wir der All­ge­mein­heit und sich­ern die Weit­erbeschäf­ti­gung unser­er Mitar­bei­t­en­den“, sagt Brady.

Hilfe für die eigene Zielgruppe

Im Kampf gegen das Virus engagiert sich auch der Kräuter­likörher­steller Jäger­meis­ter. Das Unternehmen aus dem nieder­säch­sis­chen Wolfen­büt­tel spendete 50.000 Liter reinen Alko­hol an das Städtis­che Klinikum in der Nach­barstadt Braun­schweig. In der dor­ti­gen Klinikapotheke wurde das Ethanol – so die chemis­che Beze­ich­nung – zu Desin­fek­tion­s­mit­teln weit­er­ver­ar­beit­et. Eine befris­tete Anord­nung der Behör­den schuf Anreize für Spenden dieser Art: Jäger­meis­ter musste dafür weder Zol­lab­gaben noch Alko­hol­s­teuer entricht­en. Doch die inter­na­tion­al beliebte Marke – rund 80 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet Jäger­meis­ter im Aus­land – ist auch über Gren­zen hin­aus helfend aktiv. Mit der glob­alen Ini­tia­tive #SaveTheNight wer­den Kün­st­lerin­nen und Kün­stler sowie Bar­keep­er mit Spenden und Micro­fund­ing aus aller Welt unter­stützt. Ergänzt wer­den diese durch eine Reihe neuer Online-Unter­hal­tungsange­bote, die von Jäger­meis­ter konzip­iert und ange­boten wer­den. So schafft Jäger­meis­ter eine Plat­tform für Ein­nah­men inner­halb des „Ökosys­tems Nachtleben“.

Porsche Consulting/Marco Prosch

Der Zusammenhalt mit der Community ist uns eine Herzensangelegenheit.

Christopher Ratsch
Vorstand der Mast-Jägermeister SE

„Wir nehmen diese Ini­tia­tive sehr ernst. Sie ist unbürokratisch und selb­stver­ständlich“, sagt Christo­pher Ratsch, Vor­stand der Mast-Jäger­meis­ter SE. Das Ziel sei, beide Seit­en des Nachtlebens zu unter­stützen – diejeni­gen, die eine direk­te Hilfe für ihren Leben­sun­ter­halt brauchen, eben­so wie diejeni­gen, die zu Hause bleiben müssen anstatt in Clubs und Bars zu strö­men, sich mit Fre­un­den zu tre­f­fen, um eine gute Zeit in der Gemein­schaft zu ver­brin­gen. „Wir wollen mit der Ini­tia­tive #SaveTheNight etwas an die für uns so wichtige Com­mu­ni­ty zurück­geben. Der Zusam­men­halt ist uns eine Herzen­san­gele­gen­heit“, so Ratsch.

Perspektiven für Mitarbeitende

Außergewöhn­liche Sit­u­a­tio­nen erfordern außergewöhn­liche Maß­nah­men: Um den Lebens­mit­teleinzel­han­del in der Krise zu unter­stützen und die Weit­erbeschäf­ti­gung sein­er Mitar­bei­t­en­den während der Zeit des eingeschränk­ten Restau­rant­be­triebs zu ermöglichen, ging McDonald’s in Deutsch­land eine Per­son­al­part­ner­schaft mit den Super­mark­tket­ten Aldi-Süd und Aldi-Nord ein. McDonald’s und seine knapp 230 Fran­chisenehmer beschäfti­gen in rund 1.500 Restau­rants in Deutsch­land ins­ge­samt mehr als 60.000 Mitar­beit­er. Angestellte der Fast­food­kette, die durch die zeitweise Schließung der Restau­rants auf­grund der Coro­na-Pan­demie betrof­fen waren, kon­nten von Aldi befris­tet angestellt wer­den und im Verkauf oder Logis­tik­bere­ich des Dis­coun­ters arbeit­en. Laut dem Vor­standsvor­sitzen­den von McDonald’s Deutsch­land, Hol­ger Beeck, war das eine klas­sis­che Win-win-Sit­u­a­tion: „Unsere Mitar­beit­er kon­nten – wenn sie das woll­ten – weit­er beschäftigt wer­den. Gle­ichzeit­ig prof­i­tierte Aldi von zusät­zlichen Ressourcen.“

Zahlen, Daten, Fakten

Vertrauen in Marken

Menschen erwarten in der Coronavirus-Krise, dass Unternehmen verantwortlich handeln. Das ergab der globale „Edelman Trust Barometer 2020 Special Report: Markenvertrauen und die Coronavirus-Pandemie“ (vom März 2020) der Forschungs- und Analyseberatung Edelman Intelligence, die Teil der globalen Kommunikationsberatungsgesellschaft Edelman ist.
  • 89 Prozent der Menschen weltweit erwarten, dass Unternehmen ihre Produktion auf Produkte verlagern, die zu Lösungen im Kontext der Krise beitragen.
  • 55 Prozent der Befragten denken, dass Unternehmen schneller und effektiver auf die Pandemie reagieren als die Regierung.
  • 90 Prozent fordern die Zusammenarbeit von Unternehmen mit der Regierung und Hilfsorganisationen, um die Krise zu bewältigen.
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